Samstag, 23. September 2017

Himmel & Hölle

Dunkle Wolken ziehen über den Horizont. Der Herbstanfang gestern brachte uns den ersten Nachtfrost, auf den der dazu passende Morgennebel folgte. Während ich noch dabei bin, meine Fotos aus dem kürzlich erst beendeten Sommerurlaub zu sortieren, ist die düstere Zeit bereits eindeutig angebrochen. Wenn der Wecker morgens klingelt, empfängt mich jetzt keine Morgensonne mehr, sondern Dunkelheit. Das Aufstehen fällt mir so von Tag zu Tag schwerer, denn wenn es morgens noch dunkel ist, dann motzt mein Körper: "Spinnstdu? Es ist noch Nacht, da wird geschlafen!". Dann möchte ich eigentlich nichts anderes, als mir die Decke ganz fest um die Schultern ziehen, mich nochmal umdrehen und weiterschnarchen. Und um 16 Uhr meldet sich der Winterschläfer in mir dann schon wieder, denn da wird es ja schon wieder finster...

Aber nicht nur Wärme und Tageslicht verabschieden sich gerade von der westlichen Hemisphäre, auch die gesellschaftliche Atmosphäre wird immer kälter, finsterer und feindseliger. Statt miteinander über unterschiedliche Meinungen und konstruktive Problemlösungen zu diskutieren, hält man Ohren und Filterblase geschlossen, schreit seine Vorurteile, seine Realitätsinterpretation und seinen Hass heraus oder haut einfach gleich drauf. Mir macht das zu schaffen. Es macht mir Angst davor, wohin unsere Gesellschaft schliddert.
Warum wird die Gesellschaft immer empathieloser und feindseliger?
Bekannte Misstände in der Sozial- Arbeitsmarkt- und Wohnungsbaupolitik wurden jahrzehntelang einfach ausgesessen. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung darüber tritt nun in einer Art und Weise zu Tage, von der ich gehofft hatte, dass es nie mehr möglich sein würde. Hier. In unserem Land.


Begünstigt durch fatale, ebenfalls jahrzehntelange Versäumnisse in der Bildungspolitik und eine destabilisierte politische Lage im Nahen Osten und in Afrika, an der der Westen nicht unschuldig ist, finden rechtspopulistische Opportunisten, geldgierige Magnaten, Ewiggestrige und Neuzurückgebliebene den genau richtigen Nährboden für ihre Volks- Blut und Bodenideologie vor. Wo Enttäuschung, Angst vor der Zukunft, vor dem Alter, der Armut, vor dem unbekannten Fremden, vor Veränderung und wirtschaftlicher Abgehängtheit mit mangelnder Geschichts- und humanistischer Bildung zusammentrifft, wittern diejenigen den persönlichen Vorteil, die mit dem Aufhetzen der Schwachen gegen die Schwächsten profitable Geschäfte zu machen hoffen. Es erstehen diejenigen auf und neu, deren Ideologie der stramme, mächtige Deutsche ist, per Geburt schon besser, stolzer und anspruchsberechtiger als andere... und die alles, was von einer bereits 1933 als "gut & deutsch" propagierten Norm abweicht, als nicht existent, zu vernachlässigen, abartig, minderwertig oder selbstverschuldet ansehen und die ihre Ideologie per volksverhetzender Demagogie à la Goebbels unters Volk bringen. 

Und all jene, die sich mehr als 60 Jahre lang sicher waren, dass deutsche Bürger niemals mehr, unter keinen Umständen, auf deratige Demagogen hereinfallen würden, nach allem, was Deutschland von 1939 - 45 angerichtet hat, nach 56,5 Millionen Toten, die seine Politik verschuldet hat, die stehen heute fassungslos vor den Horden, die wieder "Volksverräter" und "Lügenpresse" skandieren und die sich neben den aktuellen Regierungspolitikern wieder eine Gruppe Menschen haben herausdeuten lassen, die an all ihrer Misere Schuld ist und die man mit Baseballschlägern durch sächsische Dörfer treiben, ihnen die Notunterkunft überm Kopf anzünden, im Mittelmeer ersaufen lassen, oder "am besten gleich abknallen" sollte, weil die ja alles umsonst kriegen und sie ja nix...
Der Mensch scheint doch immer nach der einfachsten Lösung zu streben: mir geht es schlecht, also ist der, dem es auch schlecht geht und der mir die Ressourcen streitig machen könnte, mein Feind.

Die Versäumnisse und Fehler der Regierung bei Renten-, Arbeitsmarkt- und Flüchtlingespolitik spielen diesen Akteuren dabei ebenso in die Hände wie eine europäische Solidargemeinschaft, die sich in weiten Teilen als nur dann solidarisch erweist, wenn es ums Nehmen geht, aber nicht, wenn es darum geht, seinen Beitrag am Geben zu leisten. Die Globalisierung ist eine gefräßige Krake, die arme Länder ausbeutet, uns prostituiert und die Umwelt zerstört, die EU wird zur Farce und die deutsche Regierung verbucht Miliardenüberschüsse, während den Rentnern der überalterten Gesellschaft bald nur noch das sozialverträgliche Frühableben bleibt, wo Pflegeheime zu Aktiengesellschaften umgebaut werden, die nur noch für die Renditen der Aktionäre agieren. Kleine Einkommen werden doppelt und dreifach besteuert, während die Großkonzerne mehr und mehr Geld an sich raffen und im Inland kaum Steuern bezahlen. In Deutschland besitzen 10 Familien 30% allen Vermögens und Millionen Bürger leben trotz 3 Jobs nur noch von der Hand in den Mund, während die Mieten für sie immer unerschwinglicher werden.

Den Frust von großen Teilen der Bevölkerung kann man gut verstehen. Auch den Wunsch, denen da oben mal so richtig den Stinkefinger zu zeigen. Auch mir passt vieles nicht in der aktuellen Politik und ich werde das Morgen an der Wahlurne auch dementsprechend mit demokratischen Mitteln, meinem Wahlrecht, zum Ausdruck bringen und die Partei wählen, die meiner Meinung nach die besten Ideen zum Beheben der Probleme vorschlägt, die mir besonders wichtig sind.
Eines werde ich ganz sicher nicht tun: ich werde nicht denjenigen meine Stimme geben, die die Verbrechen des Nationalsozialismus relativieren wollen... die alle Familien, die nicht aus Vater-Mutter-Kind bestehen, als unnatürlich abwerten... deren Wirtschaftskonzepte nur den Superreichen dienen, von denen sie finanziert werden und nicht dem "kleinen Mann"... die Deutschland wieder einzäunen und notfalls auch auf Frauen und Kinder an der Grenze schießen lassen wollen... die das Recht auf Asyl von einer Zahl und nicht von Schutzbedürftigkeit abhängig machen wollen... die Alleinerziehende stigmatisieren und finanziell diskrimieren wollen, weil sie dies für eine selbstverschuldete Lebensform halten... die in der Schule wieder lehren wollen, dass nur Heterosexualität normal ist, weil sie der Meinung sind, dass Homosexualität eine Folge von frühsexualisierter "Umerziehung" ist... die den menschengemachten Klimawandel leugnen, deshalb aus dem Klimaschutzabkommen austreten und Braunkohlekraftwerke wie Atomkraftwerke weiterlaufen lassen und den Ausbau erneuerbarer Energiene sofort stoppen wollen... die den Euro abschaffen und die Religionsfreiheit einschränken wollen. 

Ich werde meine Stimme nicht denen geben, die Menschen, die ihre völkische Meinung nicht teilen, irgendwo "entsorgen" lassen wollen.... die das Vokabular der Nazis 1:1 übernommen haben und dieselben in ihrer Partei dulden...die vor Krieg Geflüchtete als "Invasoren" betiteln... die der Meinung sind, "politische Korrektheit ist die steinernde Grabplatte, unter der Land und Volk begraben liegen"... die die Bundeswehr dazu aufrufen, ihre "Machtmittel" gegen die Regierung einzusetzen... die von "Volksverderbern" und einem geplanten "Volksaustausch" sprechen.
Ich werde keine Partei wählen, die vom Verbreiten alternativer Fakten, dem Pushen von unverholener Hetze im Internet, dem Schüren von Hass auf der Straße, dem Beschwören "bürgerkriegsähnlicher Zustände" und dem Opfermythos lebt, vom "Wir gegen die"... und dabei proklamiert, ihre Wähler seien "das Volk", die "Volksgemeinschaft", während die "rot-grüne Gefolgschaft" "unnatürlich verkommen" und "krank im Geschlecht und im Geiste" sei.
All das hatten wir schon mal. Geführt hat das zu einem Weltkrieg mit 56,5 Millionen Toten. 

Wer inzwischen vergessen haben sollte, wohin derartige Propaganda führt, der kann seine Geschichtskenntnisse zum Beispiel Im Dokumentationszentrum Obersalzberg in Berchtesgaden auffrischen, im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg oder bei den Führungen des Vereins "Geschichte für alle e.V".


Wir tragen die Verantwortung, dass so etwas nie wieder passiert.
Wehret den Anfängen. Dieses Mal kann niemand behaupten, er hätte von nichts gewusst.

Bitte geht morgen wählen.


(Foto "Bilanz des 2. Weltkriegs: Freilichtmuseum Hessenpark, Neu-Aspach, Taunus - Sonderausstellung)
(Alle anderen Fotos: "Führerbunker" unter dem Dokumentationszentrum Obersalzberg, Berchtesgaden)
Bundestagswahl 2017, Wehret den Anfängen, Obersalzberg, Verantwortung, deutsche Geschichte

Donnerstag, 10. August 2017

Heller Stern in dunkler Nacht.

Seit Anbeginn unserer Geschichte geht der Blick der Menschen in den Himmel. Bei Tag in das blaue Firmament, hinauf zu den Wolken und im Tagesablauf der Sonne folgend, und bei Nacht hinauf zu den Sternen und dem bleichen Mond am Firmament. Wo man sich früher in dessen Begrenztheit einigermaßen sicher wähnte, eröffnete sich nach Kopernikus, Kepler, Newton und Galilei eine ganz neue Welt. Die Unendlichkeit des Weltalls birgt ungeahnte Möglichkeiten und ist gleichzeitig in ihrer Unberechenbarkeit furchteinflössend... auch, weil sie den Menschen erst bewusst macht, dass sich das Universum nicht um sie im Zentrum dreht, sondern dass wir Menschen nur ein Staubkorn darin sind und die Erde selbst nur einer von Milliarden Planeten in der Unendlichkeit des Weltalls.
Wer sich und seine Wichtigkeit in Relation setzt zur Größe des Universums, der wird demütig... demütig gegenüber dem großen Ganzen, gegenüber unserem Planeten, den Naturgewalten, bisweilen auch gegenüber den Ansprüchen, die er an sich selbst und an andere stellt. Die Wichtigkeit und Alternativlosigkeit, die mache Menschen sich selbst und ihrer Meinung beimessen, wirkt dadurch ebenso albern wie der absolute Machtanspruch und die angenommene Deutungshoheit derer, die nie den Blick und die Gedanken nach oben in die Unendlichkeit gerichtet haben und deren Horizont nur bis an den eigenen Gartenzaun oder sogar nur bis zu dem Brett vor ihrem Kopf reicht. Wie einfach könnte es doch sein, wenn alle Menschen sich öfter ihrer Winzigkeit im großen Ganzen bewusst werden und ihre Perspektive auf sich selbst, die anderen Menschen und die Welt überdenken würden.

Ich denke so gerne an eine Augustnacht vor zwei Jahren zurück, als ich mir nachts um 3 Uhr den Wecker stellte, die Familie weckte und wir durchs dunkle Haus nach unten in den Garten und über das taunasse Gras tapsten, um auf den Liegestühlen eingekuschelt in den prachtvollen nächtlichen Sternenhimmel über dem Bayerischen Wald zu schauen und die Sternschnuppen der Perseiden zu zählen... 160 in einer Stunde. Herzhupfer um Herzhupfer. Ich hatte gar nicht genug Wünsche für alle.
Hätte ich damals gewusst, was fünf Wochen später passieren wird, ich hätte alle Sternschnuppen mit Wünschen belegen können. Aber dem Leben wohnt leider die Tragik inne, dass wir nicht vorhersehen können, welchen Lauf es nimmt und demensprechend unsere Wünsche oft auf sehr konkrete, persönliche Dinge verschwenden, anstatt auf das, was wirklich wichtig ist für unser Leben.

In den Nächten von Donnerstag bis Sonntag wird der diesjährige Perseidenschauer wieder seinen Höhepunkt erreichen. Irgendwo werde ich dann da draußen sein, irgendwo, wo es möglichst dunkel ist und der grelle Schein der Stadt die Sternschnuppen nicht verschlucken kann, und in den nordöstlichen Nachthimmel schauen. Die vergangenen vier Jahre voller Verluste, Aufarbeitung, gesundheitlicher Probleme, Umbrüche und Aufbrüche, Rückschläge und Erfolge, Begegnungen und Abschiede, Zaudern und Entscheidungen,  kommen mir rückblickend wie eine sehr seltsame Prüfung vor... als ob mein Innerstes nach außen und wieder zurück gekrempelt worden wäre, um mal zu gucken, ob das Material das aushält. Hat es. Wo vorher die inneren Sternschnuppen kreuz und quer über den Himmel zischten, haben sie jetzt eine Richtung und das ist gut so.

Foto: By Migebuff (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons
Dieses Jahr werden mir die Wünsche an das Universum für all die Sternschnuppen da oben am nächtlichen Himmelszelt nicht ausgehen, aber viele davon werden andere sein als früher. Natürlich werden Wünsche für mich persönlich darunter sein, die meisten werden sich aber darum drehen, dass die Menschen, die ich liebe und die mir am Herzen liegen, ihren Weg finden und dabei immer behütet sein und sich geliebt fühlen mögen. Sie werden sich darum drehen, dass ein kleines Mädchen und ein Junge, so alt wie mein Sohn, wieder aufwachen und vollständig gesund werden. Sie werden auch davon handeln, dass die Menschen sich wieder darauf besinnen, was uns allen gut tut, auf Werte wie Anstand, Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme, anstatt darauf, wie sie sich auf Kosten anderer möglichst maximal selbst bereichern, unendlich konsumieren und in Szene setzen können, in ihrer persönlichen, kleinen, egozentrischen Welt. Es werden viele Wünsche für andere Menschen sein, für alle, und viele für die Welt in der wir leben und in der ich zukünftig gerne leben möchte. Umkrempeln hilft manchmal, die Perspektive und die Sternschnuppenwünsche zu überdenken.

Die Perseiden-Schauer sind strenggenommen nichts anderes als Gesteinsbrocken, die der Komet Swift-Tuttle auf dem Weg um die Sonne zurückließ und deren Weg wir jedes Jahr im August kreuzen... so dass viele davon beim Eintreten in die Erdatmosphäre mit unglaublichen 216.000 km/h verglühen. Laurentius-Tränen.
Vielleicht gelingt es mir dieses Jahr auch in einer der Nächte, endlich einmal eine Sternschnuppe auf einem Bild einzufangen. Womöglich sind sie aber auch dafür gar nicht gemacht.
Perseiden, Metorschauer, Perseidenschauer, Sternschnuppen, Wünsche ans Universum

Montag, 5. Juni 2017

Maitisch . Die nachgereichte Schuttplatzpracht

Zwei baustellenfreie Tage am Stück beschert mir das christliche Pfingsfest - auch für mich als nichtreligiöse Heidin eine Segen. Was ich an meinem Beruf sehr gerne mag, ist der kreative Teil und die Begleitung des Werdens und Entstehens der Umsetzung bis zur Fertigstellung. Nicht so gerne mag ich die damit verbundene Zahlenjonglage, die immer kruder werdenenden Vorschriften und die nicht immer mögliche zeitliche Planbarkeit. Die ist abhängig von Handwerkerverfügbarkeiten, Lieferzeiten und dem Zeitfenster der Kunden, in dem ein Umbau für sie realisierbar ist. So kann es passieren, dass monatelang nahezu Leerlauf herrscht, während dann auf einmal zwei Baustellen gleichzeitig zu koordinieren und deren Probleme zu lösen sind... wie im Moment. Da wird dann plötzlich das Zeitfenster, das noch für Kind, Schlaf, Privatleben, Haushalt, gesellschaftliches Engagement und Blog zur Verfügung steht zeitweise erschreckend klein und leider muss dann das temporär ruhen, das zwar schön, aber existentiell am wenigsten wichtig ist. Um mal ein kleines Lebenszeichen zwischendrin zu geben, reiche ich aber zumindest unseren Maitisch nach, bevor die Pracht der Schuttplatzschönheiten gänzlich vergangen ist...



Eine auch eher ungeliebte Aufgabe ist der mit meiner Arbeit verbundene Möbelhausmarathon zur Auswahl der Möblierung und zum Preisvergleich ausgewählter Produkte. Der Vorteil: eines der großen Möbelhäuser der Region wurde vor einigen Jahren auf ehemaliges Ackerland an den Stadtrand gebaut und ist umgeben von noch unerschlossenen Brachflächen, die einstweilen als Schuttabladeplatz auch für Gartenabfälle missbraucht werden. Gut für mich, dass einige Blumen einen starken Überlebens- und Fortpflanzungstrieb besitzen und sich bestens mit den am Wegrand ansässigen Wildblumen vertragen...  

So treffen sich hier auf unserem Tisch:
Lupine, Akelei, Margarite, Vogelwicke, Kronwicke, Storchschnabel, Wiesen-Labkraut und Wilde Möhre.





  Monatstische 2017


Meine anderen Monatstische findet ihr alle  > hier.

verlinkt mit: 
12tel-Blick bei Tabea
Friday-Flowerday
bei Helga

Monatstisch Mai, Monatstisch Frühling, 12tel Blick, Natürlich Wohnen, Schuttplatzblumen, Lupinen, Akelei, Margariten, Klee, Wiesen-Labkraut, Frühsommerblumen, Wildblumenstrauß

Donnerstag, 18. Mai 2017

Samstag, 13. Mai 2017

In heaven No. 256 - selbstbestimmter Himmel

Gestern habe ich einen Zeitungsartikel gelesen, der mich sehr beschäftigt hat. Eine alte Dame, 80 Jahre alt, bestellte sich ein Taxi zu dem Pflegeheim, in dem sie wohnte. Sie ließ sich von diesen Taxi in den Ort fahren, in dem sie einen Großteil ihres Lebens verbracht hatte, bezahlte den Fahrer und stieg mit ihrem Rollator an einem Fluss aus. Wahrscheinlich ist sie früher oft am Ufer dieses Flusses gesessen, dort spazierengegangen oder hat aufs Wasser geschaut. Irgendwann stellte sie ihren Rollator dort ab und ging einfach ins Wasser hinein. Immer weiter, bis der Fluss sie davon trug.

An einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie für sich keine lebenswerte Zukunft mehr sah, traf sie einen klaren Entschluß. Sie wollte selbstbestimmt gehen.
Diese Geschichte hat mich sehr aufgewühlt und berührt. Mein erster Gedanke war, wie traurig es doch ist, wenn man am Ende seines Lebens nichts mehr hat, wofür es sich noch zu leben lohnt, so dass man einen solchen Entschluß fasst. Nach längerem Nachdenken wurde mir aber bewusst, dass diese aufrechte alte Dame die Wahl getroffen hatte, ihr Leben selbstbestimmt in Würde zu beenden, wenn sie es selbst für richtig hält. Zu einem Zeitpunkt, an dem sie noch selbst Entscheidungen treffen und umsetzen und selbst bestimmen konnte, wann ihr Leben vollendet ist.
Wenn für mich irgendwann die Zeit gekommen sein sollte, dann hoffe ich, dass ich auch den Mut aufbringe, eine solche Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, die es mir ermöglicht in Würde und selbstbestimmt zu gehen, wenn ich das für richtig halte.

Die alte Dame wurde von zwei Männern im Wasser treibend entdeckt und gerettet. Sicher haben die beiden richtig gehandelt.
Für die alte Dame hätte ich mir aber gewünscht, sie hätte ihren selbst gewählten Weg zu Ende gehen können. Jeder von uns sollte über den richtigen Zeitpunkt selbst entscheiden dürfen.


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Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier (fast) jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über (oder auch bereits vor einiger Zeit) eingefangen habe. Manchmal sind es nur die Bilder, manchmal aber auch Gedanken, die mich die Woche über beschäftigt haben - so wie heute.
Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken.

Himmel, sky, skywatch, Himmelsansichten, in heaven, Himmelsblick, im Himmel, Haufenwolken, Frühlingshimmel

Samstag, 29. April 2017

In heaven No. 255 - Frühlingsmorgenhimmel

Ein ganz besonderes Blau hat der morgendliche Frühlingshimmel im Osten. Pastellig und nicht ganz so satt wie ein aufgehender Sommertag, aber doch deutlich farbenstärker als der blass-kränkliche Winterhimmel. "Die Zeit des Erwachens" ist in diesen Tagen so zweideutig wie anständig. Während ich noch mit dem Wachwerden ringe, schlaftrunken Schokoladenbrote schmierend und Milch warmmachend, erwacht dort draußen der Tag mit fröhlichem Vogelgezwitscher und erhellt die ebenso erwachende Natur. Der Himmel schlägt mich dabei an Energie um Längen, die Natur hat dagegen ähnliche Anlaufschwierigkeiten. Etwas träge erhebt sie sich aus dem Morgentau, streckt sich, reckt sich und blinzelt noch fast genauso müde wie ich in die nach oben tanzenden Morgenwolken.



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Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier (fast) jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über (oder auch bereits vor einiger Zeit) eingefangen habe. Manchmal sind es nur die Bilder, manchmal aber auch Gedanken, die mich die Woche über beschäftigt haben - so wie heute.
Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken. 
Himmel, sky, skywatch, Himmelsansichten, in heaven, Himmelsblick, im Himmel, Schäfchenwolken, Pastellhimmel

Montag, 24. April 2017

Wie...

Wie würdest du gerne wohnen? Eine Frage, die allen Menschen im Laufe ihres Lebens irgendwann oder auch öfter festellt wird. Vor allem aber eine Frage, die man sich selbst immer wieder von Neuem stellt. Wie würde ich gerne wohnen? Die Antwort darauf wandelt sich mit den Jahren, wie die Antworten auf viele andere Fragen des Lebens auch, denn wir haben irgendwann mehr von der Welt gesehen, die unterschiedlichsten Menschen getroffen, die verschiedensten Orte besucht, uns in vielen Gebäuden aufgehalten und kennen uns immer besser. Unsere Bedürfnisse wandeln sich mit dem Älterwerden. Vielleicht ist es aber auch eher ein Entwickeln als ein Wandeln - im Sinn von Max Frisch, der einmal sagte "Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet und nur."
Wenn ich mir ansehe, wie sich meine persönlichen Wohnbedürfnissee und mein Raum- und Einrichtungsgeschmack über die letzten Jahrzehnte entwickelt haben, dann stelle ich fest, dass sie sich entfaltet und einen Kreis vollzogen haben und zu ihrem Ursprung zurückgekehrt sind. Je älter ich werde, desto weniger möchte ich um mich haben und desto höher und gleichzeitig archaischer sind meine Ansprüche an gut gestaltete, funktionale Räume und Dinge aus schönen Materialien. 




Wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich wohl grade am liebsten in eines dieser alten Jurabauernhäuser einziehen. Kreuzgewölbe, ein Boden aus Jurakalk und Türen und Treppen aus Holz. Die Weite der Räume, ihre Blickachsen und ihr Lichteinfall, die Sichtbeziehungen nach draußen ins Grüne, die Struktur und Haptik der Oberflächen und die natürliche Farbigkeit, Unaufgeregtheit und Schlichtheit der Materialien sprechen mich ganz tief im Inneren an und lösen ein wohliges Grummeln in meiner Seele aus.






Das für Altmühlfranken charakteristische Jurabauernhaus wurde 1497 auf der Ruppmannsburger Hochfläche in Reichersdorf bei Roth erbaut. 1697 wurde es aufgrund des schlechten Zustandes so gut wie neu errichtet, 1843 umgebaut und 1875 um einen Stallanbau erweitert. Ein letzer Umbau erfolgte im Jahr 1923, bevor es dann im Jahr 1987 in ganzen Wandelementen abgetragen und 2010 - 2012 im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim wieder aufgebaut wurde.
Das Erdgeschoß des Hauses wurde aus Kalkbruchsteinen gemauert, der flache und breite Dachstuhl aus mächtigen Balken trägt eine 70 Tonnen schwere Eindeckung aus Kalkplatten, die in den Steinbrüchen der Region (damals noch günstig) abgebaut wurden. Der prächtige Stallanbau mit böhmischem Gewölbe aus dem Jahr 1875 verrät, dass es sich bei den damaligen Besitzern um eine sehr wohlhabende Bauernfamilie gehandelt haben muss.
Eine Besonderheit birgt dieses Haus außerdem: im hinteren Teil des Gebäudes befand sich ein unterhalb der Küche beginnernder und bereits in der Bauzeit des Hauses angelegter unterirdischer Geheimgang, der das Haus im Bauernkrieg 1524/25 direkt mit der schützenden Kirche nebenan verband und durch den sich die Bewohner rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, wenn Gefahr drohte. Auch das käme mir übrigens sehr gelegen. ;-)








Vielleicht begegnet mir ja ein ähnliches Haus auf meinen Wegen und möchte gerne unser neues Zuhause werden? Und dazu ein Lottogewinn vielleicht? Ich übe mich eifrig im Affirmieren, denn ins Museum darf ich wohl leider nicht einziehen...

Mehr Bilder aus dem Freilandmuseum Bad Windsheim findet ihr  > hier.
Freilandmuseum Bad Windsheim, Altmühlfranken, Jurahaus, Kalksteindach, Steindeckung, Jurakalk, Bruchstein, Kreuzgewölbe, Ausflugsziele Nürnberg, Franken, Heimat, natürlich Wohnen, archaische Architektur, ländliche Architektur, Rural